Was sind eigentlich Express-Schuldverschreiben/Express-Anleihen?

Express Schuldverschreiben und Anleihen erklärtIch glaube es gibt kaum eine Branche, in der mit so viel Liebe und Phantasie neue Produkte generiert werden, wie in der Finanzbranche. Blöd nur, dass es sich bei diesen liebevollen Produkten um Papierkonstrukte handeln, die oft nicht nur Kunden verwirren, sondern von deren Funktionsweise auch immer wieder die Verkäufer und Vermittler keine Ahnung haben. Vor kurzem bin ich nun auf die Festzins Express-Schuldverschreibung gestoßen und konnte damit auf den ersten Blick nichts anfangen. Tatsächlich ist das Prinzip dahinter gar nicht so kompliziert, weshalb ich nachfolgend mir diese Express-Schuldverschreibung oder auch Express Anleihe, wie sie teilweise genannt wird, etwas genauer anschauen und erläutern möchte, was sich dahinter verbirgt.

Express-Schuldverschreibungen und Anleihen zu vielen großen deutschen Unternehmen

Eine Suche fängt ja heutzutage im Internet und dort vorzugsweise bei Google an (vielleicht bist du auch so auf meinen Beitrag gestoßen!? 😉 ) Dort wird man vor allem von Angeboten erwartet, häufig von Morgan Stanley. Ob das nun die Festzins Express-Schuldverschreibung auf Lanxess / Bayer, auf die United Internet AG-Aktie, auf die Daimler-Aktie oder auf die RWE-Aktie ist, immer hat die US-amerikanische Bank Morgan Stanley die Hand im Spiel. Wer allerdings mal nach „Express-Anleihe“ sucht, wird auch Angebote von anderen Banken finden, wie beispielsweise die BASF Express-Anleihe der Landesbank Baden-Württembergs, die auch schon eine Siemens Express-Anleihe herausgegeben hat.
Was sind Express-Anleihen?
Zwar wird in den Angebotsprospekten das Produkt natürlich auch beschrieben und auf die Chancen und Risiken hingewiesen, dennoch möchte ich im nachfolgenden noch einmal in meinen eigenen Worten die Idee hinter den Express-Schuldverschreibungen beschreiben und erklären. Zudem kannst du per Kommentar deine eigene Meinung oder auch Fragen hier loswerden. Aber klären wir erst einmal was Express-Schuldverschreibungen sind und ob man damit sein Geld anlegen sollte.

Was sind Express-Schuldverschreibungen bzw. Express-Anleigen?

Schon bei dem Wort Schuldverschreibung muss man genau sein, denn hierbei handelt es sich genau genommen um ein Zertifikat (auch Express-Anleihen sind damit keine echten Anleihen). Diese begriffliche Eingrenzung ist wichtig, da ein Zertifikat über eine derivative Komponente verfügt. Das wiederum bedeutet, dass die Wertentwicklung des Zertifikats von der Wertentwicklung eines anderen Finanzprodukts abhängt. Im Fall der Express-Schuldverschreibungen sind das in der Regel die Kurswerte der Aktie des Unternehmens, auf das die Schuldverschreibung bezogen ist. Emittiert, also auf dem Markt gebracht, werden diese Schuldverschreibungen bzw. diese Express-Anleihen aber nicht von diesem Unternehmen, sondern in der Regel von Banken, die diese an deren Privatkunden verkaufen.

Wie funktionieren Express-Schuldverschreibungen/Express-Anleigen

Das Erste was man als potentieller Anleger erfährt, ist der Erhalt eines festen jährlichen Zinssatzes. Dieser liegt aktuell natürlich deutlich über den Zinssatz von Sparkonto, Tagesgeld und Co (aktuelle Angebote von Schuldverschreibungen liegen etwa zwischen 3,5%-5,0%), ist nicht einmal abhängig von der Werteentwicklung der entsprechenden Aktie und eine frühzeitige Auszahlung des angelegten Betrags ist vorzeitig möglich (je nach Schlusskurs der jeweiligen Aktie). Wer hier schon frohlockt und den Kugelschreiber bzw. die Tastatur für den Abschluss einer Express-Schuldverschreibung zückt, der sollte sich aber noch einen Moment gedulden.

Der Knackpunkt ist nämlich die Auszahlung am Laufzeitende. Sollte schon während der Laufzeit am Bewertungstag die Aktie auf oder über dem vorzeitigen Auszahlungslevel schließen, bekommt man sein Geld schon vorzeitig zurück. Bei einem sehr guten Aktienkurs erhält man sein investiertes Geld also evtl. schon etwas früher 1:1 zurück. Kniffliger wird es aber, wenn die Express-Schuldverschreibung nicht vorzeitig ausgezahlt wird. Dann hängt die Auszahlung nämlich bei der Fälligkeit vom sogenannten Referenzpreis ab. Der Referenzpreis ist der Schlusskurs der Aktie des entsprechenden Unternehmens am letzten Bewertungstag. Das Datum für den letzten Bewertungstag, sowie die entsprechend heranzuziehende Börse für die Ermittlung des Kurses wird beim Abschließen der Express-Schuldverschreibung festgehalten.

Folgende zwei Situationen können nun vorliegen:

  1. Der Referenzpreis liegt oberhalb einer ausgemachten Barriere
  2. Der Referenzpreis liegt unterhalb der ausgemachten Barriere

Referenzpreis liegt oberhalb der Barriere

Liegt der Referenzpreis oberhalb der bei Abschluss festgehaltenen Barriere (z.B. 60% vom Startwert), dann ist im Prinzip alles gut. Denn hier wird nun, wie bei einer frühzeitigen Rückzahlung, der Nennbetrag zurückgezahlt. Sprich man erhält am Ende die investierte Summe 1:1 zurück und freut sich über einen Gewinn, der aus den Zins-Zahlungen des attraktiven Zinses besteht.

Referenzpreis liegt unterhalb der Barriere

Liegt der Referenzpreis nun aber unterhalb der Barriere, geht man zwar nicht komplett leer aus (zumindestens nicht gleich), statt dem Nennbetrag erhält man aber hier nun in der Regel die entsprechenden Aktien des Unternehmens im Bezugsverhältnis (Nennbetrag / Aktienkurs zu Beginn der Laufzeit). Sollten die Zinszahlungen nicht ausreichen, die negative Differenz des alten und neuen Aktienkurses auszugleichen, hat man temporär Verlust gemacht. Dann sitzt man nämlich nun auf Aktien, die weniger Wert als zum Start der Express-Schuldverschreibung haben. In diesem Fall muss man sich entscheiden, entweder man verkauft die Aktien und „realisiert“ so den Verlust oder man hält die Aktien, um diese zu einem späteren Zeitpunkt zu verkaufen. Im besten Fall steigt die Aktie wieder nach einiger Zeit und man kann sogar zusätzlichen Gewinn machen. Im schlechtesten Fall hält die Talfahrt der Aktie an und man macht immer mehr Verlust, bis hin zum Totalverlust des angelegten Kapitals (falls das Unternehmen insolvent wird).

An wen richten sich Express-Schuldverschreibungen

Wenn man bei einem Unternehmen von einer langfristigen seitlichen Kursbewegung ausgeht, bei der nun geringe Schwankungen nach oben oder unten auftreten, kann eine Express-Schulverschreibung das richtige Finanzprodukt sein, um über vergleichsweise attraktive Zinszahlungen Gewinne zu machen. Da diese Zinszahlungen unabhängig vom entsprechenden Aktienkurs sind, können dadurch auch Renditevorteile im Vergleich zu einer direkten Aktienanlage realisiert werden. Durch die Barriere hat man zudem einen gewissen Puffer auch noch dann an eine Auszahlung des Nennbetrages zu kommen, wenn der Aktienkurs nicht völlig eingebrochen ist.

Gleichzeitig stehen aber auch viele ABERs im Raum. Bei einer langfristigen positiven Entwicklung der Aktie des Unternehmens, würde man zwar die Zinszahlungen und das eingesetzte Kapital wieder zurückbekommen, wäre aber wohl besser beraten gewesen direkt in die Aktie des Unternehmens zu investieren und so die deutlich höheren Kursgewinne plus evtl. ausgezahlten Dividenden mitzunehmen. Der Gewinn nach oben ist also bei einer Express-Schuldverschreibung begrenzt. Der Verlust nach unten hingegen nicht. Dieser kann in einem wirklich sehr, sehr ungünstigen Verlauf bis zum Totalverlust führen.

Vorteile und Nachteile von Express-Schuldverschreibungen

Nachfolgend noch einmal die Vorteile und Nachteile von Express-Schuldverschreibungen/Express-Anleihen im kompakten Überblick:

Vorteile

  • Attraktive Zinsbeträge
  • Zinszahlungen unabhängig von Kursentwicklung
  • Kursschwankungen sind erst bei Fälligkeit wirklich relevant
  • Möglichkeit der frühzeitigen Rückzahlung des Investments

Nachteile

  • Möglicher Verlust, bei Veräußerung der erhaltenen Aktien nach Unterschreitung des Kurses am Stichtag
  • Keine Partizipation (Teilnahme) an einer positiven Kursentwicklung
  • Keinen Anspruch auf Dividendenzahlungen
  • Kein Mitspracherecht beim beteiligten Unternehmen
  • Möglichkeit des Totalverlustes

Unterschied zwischen Aktien-Anleihen und Express-Anleihen

Dem ein oder anderen mag die Beschreibung der Express-Schuldverschreibung bzw. Express-Anleihe vielleicht schon bekannt vorgekommen sein. Tatsächlich funktionieren Aktienanleihen sehr, sehr ähnlich. Auch Aktienanleihen sind keine wirklichen Anleihen und funktionieren wie die hier beschriebenen Schuldverschreibungen. Eine Ausnahme gibt es allerdings und genau hier kommt nun der Zusatz Express ins Spiel. Bei Aktienanleihen ist keine vorzeitige Rückzahlung zum Nennbetrag möglich. Der Zusatz „Express“ bezieht sich also übertragen auf die „Auszahlungsgeschwindigkeit“.

Fazit

Sind nun Express-Schuldverschreibungen/Express-Anleihen gut oder schlecht? Wie bei so vielen Dingen kommt es darauf an. Bei einem absoluten Wachstumsunternehmen würde beispielsweise eine Express-Schuldverschreibung eher weniger Sinn machen, da man hier durch eine direkte Investition über Aktien mehr Gewinn machen würde. Allerdings muss man auch sagen, dass die Auswahl an Unternehmen, für die es solche Angebote von Express-Schuldverschreibungen gibt, stark begrenzt sind und in der Regel vor allem für schon etablierte Unternehmen besteht. Wer sich also für eine Express-Schuldverschreibung interessiert, sollte das entsprechende Unternehmen gut kennen und abschätzen können, wie das Wachstum ausfallen könnte. Eine Rolle spielt hier unter anderem in welcher Branche sich das Unternehmen befindet, ob die Märkte schon gesättigt sind, ob sich eine Konsolidierung des Marktes ankündigt etc. Und bei all den Überlegungen muss man auch immer den Faktor „Pech“ berücksichtigen. Wenn der Stichtag nämlich genau in den Zeitraum fällt, in dem gerade ein großer Skandal aufgedeckt wird, in den das Unternehmen beteiligt ist, bringen letztendlich alle gut gemeinten Voraussagen nichts mehr.

Bildquelle: tookapic/pixabay.com

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